Lobgesang auf den Kabarettisten Josef Hader und seine Kunst, den Leuten ins
Gewissen zu reden
Von Thomas Thieringer / Süddeutschen Zeitung
Eigentlich ist dieser Mann ein netter Mensch. Untersetzt die Gestalt,
schütter-lockig das Haar, rund das Gesicht, zurückhaltendes Auftreten. Er
pflegt sich mutig in knallig bunten Hemden, in mächtig über die Schultern
ragenden, schlabbrigen Jacken zu präsentieren. Das hat etwas von einer
Imponierausstattung, als wolle er von seinem verletzbaren Selbstbewußtsein
ablenken, davon, daß er schüchtern, eigentlich ein Everybody-Nobody ist.
Die dicken Brillengläser tun ein Übriges dazu, daß man ihn für einen halten
kann, der kein Wässerchen zu trüben fähig ist. Aber sein Lächeln, und damit
beginnt die große Irritation, kann fast unmerklich aus der reizendsten
Verlegenheit in die unverschämteste Charmiererei umkippen. Gerade dann,
wenn man sich gestattet, diese gut zu finden, verwandelt er sich in einen
zynischen Grinser, der den Rest der Welt von einer Horde Unterwesen
bevölkert sieht, die mit der ganzen Wucht des Ignoriertwerdens konfrontiert
werden müssen.
Die Haltung dieses Mannes, der wohl nie so recht jung ausgesehen hat, aber
nun, wo er schon mitten in seinen Dreißigern ist, immer junger wirkt, ist
leicht gebeugt. Den Kopf etwas nach vorne geschoben, als habe er zeitweilig
schon mal Atlas gespielt und nun die schwere Last einfach abgeworfen. Vom
Gewicht dieser Welt, vom Elend, das auf sie drückt, hat er noch eine gute
Ahnung, und das wohl verleiht ihm das Image, eines so freundlich
gebrochenen, netten Menschen, denn solche Leute, die ihre Verletzungen
nicht vergessen und ihre Ängste nicht verdrängen, sind den meisten anderen
mit gelassenem Respekt zugetan. Aber, wenn dieser Mann Naa,- gut!² sagt,
und das tut er immer wieder, dann hat das mal was Erleichtertes, auch etwas
von spießersatter Zufriedenheit. Ein andermal kann das klingen, als würde
damit unausweichlich das Ende von Allem definiert und gelegentlich hört es
sich auch an wie eine heimtückische Drohung.
Blick von unten
Der Mann, der diesen vor allem netten, unberechenbaren Menschen spielt, in
immer neuen (Programm-)Varianten, heißt Josef Hader. Und, fatal, dieser
Josef Hader spielt diese Figuren so, daß man nicht zu entscheiden wagt, ob
er das noch oder ob das schon längst ein anderer ist. Etwa in seinem
Programm Im Keller (ein Solo, das auf den Bunten Abend folgte), Hader
spielt hier einen Mann, der Karl heißt, und der hat uns (in der Person
eines Meisters, des unsichtbaren, stummen Dialogpartners in diesem Monolog)
in die Tiefe geschleppt, weil man von unten - seit Platon weiß man¹s -
alles schärfer sieht und weil man in diesem Bunker-Refugium seine Ruhe hat
vom Treiben der Welt.
Der Keller: Metalltüre, Stahlrohre, ein altes Klavier, Bierflaschen, ein
Fahrrad mit Dynamo - für die Energieversorgung im schlimmstmöglichen
Katastrophenfall. , Ein Paradies im (Um-)Bau: Dampfbad statt Sauna,
Creativcenter neben der Ruhezone, Vorratskammer und Schlafgemach. Letzte
Pläne werden geschmiedet, damit alles nach den neuesten Erkenntnissen super
sein wird. Karl, dieser freundlich-mißtrauische Allerweltsmensch quasselt
sich seine Lebenserfahrungs-Philosophie von der geschädigten Leber,
schwärmt vom meditativen Einssein mit der Natur: Wie die Indianer drei Tage
vor dem Zelt sitzen - und der Gedanken Schwere entläd sich in einem
einzigen "Uff. Leute, die meinen, sie haben nichts über sich zu erzählen,
die müßte man zur Therapie in dieses Theater-Kabarett von Josef Hader
schicken. Dem gerät alles zum Drama, für den steckt noch in der banalsten
Erfahrung ein Weltgleichnis.
Hader beschäftigt sich immer, auch als Keller-Mensch, mit den letzten
Dingen, treibt seine Scherze mit uns (und sich), der Quelle allen Übles,
mit der Attitüde eines Feldherrn und fängt die Dinge auf mit dem
strahlenden Lächeln eines Harmoniestrategen: Ganz lieb´! Des ganz
normalen Wahnsinns nimmt er sich an, aber mit so verzweifelter Gelassenheit
hat den lange seit Qualtinger, seit Karl Kraus wohl keiner mehr auf die
Bühne gespiegelt. Das Leben verliert so dadurch, daß man es kennenlernt
läßt er seinen Werbemann Karl sagen; Karl hat es bis zur Neige
kennengelernt - deshalb verliert er sich in den Traum von einem toten
Keller-Paradies. Karl ist ganz unten; die Schatten werfen wir Zuhörer und
-schauer. Das Sterben könnt¹ kalt werden, deshalb wärmt sich dieser
Hader-Mann-Mensch¹ Karl noch einmal an den Gedanken einer satten
Zeitgeist-Gesellschaft, deren grundsätzliche Frage lautet: Woher kommen
wir, wo sind wir, wohin gehen wir - nachher essen?
Weil der ältere Bruder einmal den elterlichen Hof in Waldhausen
(Oberösterreich) übernehmen sollte, wurde Josef Hader ins streng
katholische Internat des Stifts in Melk geschickt. Berufsaussichten:
Pfarrer. Prediger oder Kabarettist, da ist, so sah das Hader sehr bald,
doch kein so großer Unterschied. Man steht oben und redet den Leuten ins
Gewissen, sagt ihnen was Sache ist.
In seinen Programmen, Monologen oder Dialogen geht es immer um Leben und
Tod. Die Indianer zum Beispiel, die greifen in der Nacht net an«, sagt der
Inspektor des Gast- und Hotelgewerbes Heinzi Bösel in Josef Haders und
Alfred Dorfers Tragikomödie Indien. Die glaub¹n, wenns in der Nacht
angreifen und es wird aner erschossen, kommens net in Himmel. So eine
klare Haltung zu den letzten, eigentlich unbegreiflichen Dingen
beeindrucken in Haders Gestalt so einen, für den das Lebenswerte sich im
Lauf der öden Jahre auf ein Schnitzel ohne Flexen reduziert hat. Und
Heinzis Kollege Kurt Fellner (in dem von Paul Harather inszenierten
Fernseh-Film Indien² höchst sensibel dargesellt vom Coautor und
Auch-Kabarettisten Dorfer) schildert später, wenn der Hodenkrebs ihn fast
schon geschafft hat, wie sich ihm der Himmel im Traum darstellte: als ein
großes Finanzamt. Und da waren so Türen mit Schildern: Hinduismus,
Buddhismus. Islam. Und auf der letzten Tür ganz hinten, is gestanden: Ohne
Bekenntnis. Und da bin i hinein. Und drinnen war a grelles Licht und wie i
mich ans Licht gewöhnt hab, hab i gesehen: außer mir ist nur einer drinnen.
A ganz a alter Mann mit einem langen weißen Bart. Und der hat gesagt: Jetzt
hab i endlich wen zum schnapsen!
Den alten Mann mit langem weißen Bart trifft Hader auch in seinem
grandiosen Solo "Privat«, denn um den kommt einer, der auf einem
katholischen Internat für das Leben abgerichtet wurde, einfach nicht herum.
Und den Himmel bereist Hader in diesem Programm mit einem Ast, der in Paris
den Dramatiker Horvath erschlagen hat und nun an Hader eine Art
Wiedergutmachung betreibt. Der trägt ihn in einer abenteuerlichen
Phantasieraserei, in freiem Flug und Fall zu den Gestirnen (dem Mond), rund
um die Erde, nach Afrika und am Ende ist er ganz bei sich, beim einzig
wahren Ich, und in diesem kalten Raum findet sich ein Joghurt-Becher mit
abgelaufenem Verfallsdatum und eine Wurst, auf der "Wurst steht. Dann sind
wir wieder da, wo seine Karriere unter existentialistischen Bauersleut¹,
seinen so kunstbesessen avantgardistischen Eltern, ihren Anfang nahm: 1962,
in einer schneereichen Winternacht kam dieser Josef H. als Nachgeburt einer
kleinen schwarzen Brille auf die Welt; im Alter von drei Jahren hatte er
die Lektüre von Kafka und Camus schon hinter sich und langweilte sich, bis
er dann als Krampus-Darsteller in schreckliche seelische Bedrängnis geriet
. . . Der Anfang aller Kunst ist die nicht vergessene Not des Kindes.
Josef Hader also wollte, folgen wir der »Privat-Biographie, Gott werden,
machte eine Mechanikerlehre, studierte fürs Pfarramt und wurde Kabarettist.
Nun, auf dem Gipfel dieser Karriere, überblickt er alles, den Makrokosmos
und die Mikrowelt in sich. Er sitzt auf der Bühne, auf einem Stuhl, im
Scheinwerferlicht - vor 800 Leuten im Audimax an der Wiener Universität
oder vor den gut hundert in der Lach- und Schießgesellschaft - und schaut
ins Publikum und lacht und quasselt und leidet und singt. Er erzählt den
Leuten da unten von Abenteuern in Wiens Abwasserkanälen und davon, wie er
im Über-Ich-Himmel Gott für seine Abwesenheit im Alltag zur Rechenschaft
zog. Er singt ein paar Lieder, eines vom Wind, der bis auf die Knochen
weht, eines, daß das Leben eben so ist, wie es ist, und eines aus der guten
alten Zeit, als die Kabarettisten sich noch für die Befreiung der
Topfpflanzen engagierten, und er singt sie so endzeitlich, wie das nur der
Wiener kann, daß es nicht nur sentimental wirkt. Er zelebriert Schmäh,
parodiert (seine erträumten) Starattitüden, spielt gnadenlos mit Emotionen
- er macht mit dem Publikum, was er will. Und es folgt ihm für gewöhnlich
so willig, daß man nur staunen kann: Der Mann als eigentlich netter Mensch
ist ein großer Verführer. Er zaubert seinen Zuschauern aus dem Nichts ein
großes Welttheater auf die Bühne, und die bestaunen¹s wie des Kaisers neue
Kleider und sehen doch, wie dürftig sie selbst darunter sind. Hader hat
also erreicht, was er am Anfang seiner Karriere werden wollte: Er hat den
Gott auf den er studiert, längst übertroffen . . .
Der Entertainer als Gott, der nur mit Worten alles erschaffen kann. Josef
Hader genießt das; seine Vorstellungen scheinen ihm keinerlei Mühe zu
machen, er spielt sie immer wie am ersten Tag. Dennoch obwohl ihm die Kunst
für den Augenblick zu genügen scheint, so will er auch etwas zurücklassen,
was bleibt, für den Ruhm in der Nachwelt. Zum Thema Vorbilder hat er vor
Jahren Dieter Hildebrandt und Lukas Resetarits (wegen seiner
Volkstheater-Elemente) erwähnt. Von Otto Grünmandl, so sagte er damals,
habe er gelernt, "daß Kabarett ganz ohne die zehnte Kommunisten-Nummer oder
die dreizehnte Variante
eines SPÖ-Sketches auskommen kann. "Das übliche Kabarett erinnert mich an
die katholische Messe. Ohne Wandlung keine Messe, ohne SPÖ-Nummer kein
Kabarett. Von Richard Rogler habe ich gelernt, wie man das Nummern-Kabarett
auflösen und durch eine andere dramaturgische Form ersetzen kann.
"Im Keller hat eine klar umrissene Situation, eine genau definierte Person
und viele höchst wirksame dramatische Geschichten. Josef Hader serviert sie
so pointiert, wie das nur ein Schauspieler kann, dem jedes Mittel des
Kabaretts vertraut ist, oder wie das nur einem Kabarettisten möglich ist,
der es in der Ausübung der Schau-Spiel-Kunst schon sehr: weit gebracht hat.
Der Kabarettist Hader hatte schon 1985 für sein zweites Programm "Der
Witzableiter und das Feuer den Förderpreis Salzburger Stier erhalten. Die
renommiertesten Kleinkunstpreise Österreichs und Deutschlands folgten mit
den Jahren, und gleich für seine erste Hauptrolle in einem Fernsehfilm, in
"Cappuccino Melange - Hader spielt einen wortkargen Jungbauern, der in der
Hauptstadt Wien in eine abenteuerliche Liebesgeschichte mit einer
temperamentvollen Italienerin verwickelt wird-, wurde er mehrfach mit
Festival-Auszeichnungen bedacht. Die Preise suchen eben nicht nur, wie
Gerhard Polt mal gesagt hat, unerbittlich ihre Träger, manchmal finden sie
auch die Richtigen. Als Hader 1993 den Förderpreis zur Kainzmedaille der
Stadt Wien für "Im Keller erhielt, soll er, so kann man einer Art
tabellarischer Biographie entnehmen, sich entschlossen haben, »bis zum
Siebziger auf Preise, Medaillen, Ringe und Kranzspenden zu verzichten.
In "Indien, von Paul Harather 1993 gedreht nach dem l991 entstandenen, an
der -Wiener Kleinkunstbühne Vindobona uraufgeführten satirischen Dialog,
spielt Hader den schon erwähnten Heinzi Bösel, der als Schnitzel-Tester mit
einem klapprigen Ford von Wirtshaus zu Wirtshaus fährt. Abgestumpfter,
kaputter kann man kaum einen Kleinbürger spielen: Der Mann drückt sich aus
Weltekel tief in die Sitze seines PKW, als wolle er sich bis ans Ende
seiner Tage jeder eigenen Bewegung, speziell jeder emotionalen Regung,
enthalten. Auf dem Beifahrersitz Alfred Dorfers Kurt Fellner dünn,
schmallippig, von aufgekratzt förmlicher Fröhlichkeit- ein Mann des
Reader¹s-Digest-Wissens, der magengeschädigten Eßkultur, der
fernsehgefestigten Weltkenntnisse. Der Psychokrieg zwischen beiden ist
bestens programmiert. Das Leben ist hart, aber der Tod stimmt milde: Hader
und Dorfer trauen ihren beiden kaputten Figuren eine Wende zu einer
wunderbaren Freundschaft zu.
Eine gewisse Aufsässigkeit
Der Erfolg des: "Indien-Films war enorm: In Österreich lief er monatelang
in den Kinos, und in Deutschland soll er der erfolgreichste österreichische
Film seit Jahrzehnten sein. Als Grund für diese überraschende Resonanz hat
Hader den Mut zu starken Emotionen ausgemacht, zu den in sich
einschließenden ebenso wie zu den befreierden Gefühlen.
"Ich habe mir vorgenommen, alles mögliche auszuprobieren im Solokabarett
und in der Zusammenarbeit mit anderen und will abwarten, was dabei
herauskommt, hat Josef Hader vor sechs Jahren gesagt. Und: "Aus der Angst
und dem Gefühl, "ich will mich nicht lähmen lassen, entsteht wieder eine
gewisse Aufsässigkeit - wie in meiner Kindheit. Ich begegne der Erwartung
des (weil erfolgreichen) Immergleichen also mit einer durchaus aktiven
Strategie.
Hader macht seit 1988 nie nochmals das Gleiche: Auf »Biagn oder Brechn,
seinem . ersten überregional wirklich erfolgreichen Programm, ließ er den
»Bunten Abend folgen, in dem er perfekt diese Art Kabarett demontierte.
Dann schrieb er "Indien, ging mit "Im Keller auf die Bühne, dann kam der
Film. Im nächsten Jahr will er als Regisseur seinen ersten eigenen Film
machen. Wenn er so weitermacht, dann muß auch das ein ganz verflucht
besonderes Werk werden.
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